Erfahrungen mit der Umsetzung des zweiten Pflegestärkungsgesetzes

Interview mit Vertretern der Berliner Pflegestützpunkte

1.       Was waren in den Pflegestützpunkten die größten Herausforderungen bezüglich des zweiten Pflegestärkungsgesetzes?

Zum Ende des Jahres 2016 wurden Pflegebedürftige und deren Angehörige auf unterschiedliche Weise über die allgemeinen Inhalte des neuen Gesetzes informiert. Die Herausforderung für unsere Pflegeberaterinnen und Pflegeberater bestand darin, die individuellen Informations- und Beratungsbedarfe bei den Ratsuchenden und deren pflegenden Angehörigen zu identifizieren. Die Beratungen waren zeitlich sehr aufwändig. Es galt, die Ratsuchenden mit ihren Erwartungen abzuholen und bedarfsgerechte, in der Häuslichkeit umsetzbare Lösungen zu finden.

2.       Haben Sie ein höheres Aufkommen an zu beratenden Personen erwartet?

Ja, das haben wir. Neben den allgemeinen themenbezogenen Pressemitteilungen informierten die Pflegekassen ihre Mitglieder sehr gut und auch wir haben sehr umfangreich im Rahmen unserer Öffentlichkeitsarbeit über die Inhalte des neuen Gesetzes aufgeklärt und die Pflegestützpunkte beworben. So liefen z. B., mit sehr hoher Resonanz, Anfang des Jahres Werbetrailer im RBB und bei Antenne Brandenburg.

3.       Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Mit einer Vielzahl von Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen. Ziel war es nicht nur die Ratsuchenden und deren Angehörige zu erreichen, sondern auch Leistungsanbietern die Möglichkeit zu geben, sich bei uns zu informieren.

Um dieses Ziel zu erreichen, haben wir zuerst die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dePflegestützpunkten und internen Fachbereichen der Pflegekasse frühzeitig zu den Inhalten des PSG II geschult. Sie wurden somit in die Lage versetzt, in zahlreichen öffentlichkeitswirksamen Informationsveranstaltungen ihr Wissen an Betroffene, Leistungsanbieter und Interessierte weiterzugeben. Die Teamrunden wurden intensiv zum Informationsaustausch genutzt. Weiterhin erfolgte ein regelmäßiger Wissensaustausch zwischen den internen Fachbereichen der Pflegekasse.

Um unseren Pflegeberaterinnen und Pflegeberatern die Arbeit zu erleichtern, erarbeiteten wir Arbeitshilfen und Informationsmaterialien. Schließlich beinhaltete unsere Personaleinsatzplanung zum Jahreswechsel und Jahresanfang den Mehrbedarf.

Unsere Pflegeberaterinnen und Pflegeberater schufen vor Ort die Möglichkeit, Termine vor und nach den Servicezeiten der Pflegestützpunkte vergeben zu können. Wenn möglich, wurden Beratungen gebündelt, z. B. durch Informationsveranstaltungen in Selbsthilfegruppen, Gemeinden und sozialen Einrichtungen. Wir boten weiterhin zahlreiche Fachvorträge in Großveranstaltungen vor Ort an und führten sie mit sehr guten Teilnehmerzahlen durch.

4.       Sind tatsächlich mehr Menschen in die Pflegestützpunkte gekommen?

Tatsächlich haben die Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit die Menschen erreicht. Nachdem zum Anfang des Jahres viele Menschen mit allgemeinem Informations- und Beratungsbedarf den Weg in die Pflegestützpunkte gefunden haben, besteht nun der weiterführende Beratungsbedarf, z. B. zu den Zusammenhängen und Bewertungskriterien des Neuen Begutachtungsassessments des MDK zur Bestimmung eines Pflegegrades.

Infolge von Erstberatungen fungieren Kunden als Multiplikatoren für die Pflegestützpunkte. Wir erleben aktuell und erwarten auch für die Zukunft einen Kundenzuwachs in unseren Pflegestützpunkten.

Interview mit Vertretern der AWO Brandenburg zur Umsetzung des PSG II in der stationären Langzeitpflege

1.       Wenn Sie in das Jahr 2016 zurückblicken, mit welchen Herausforderungen haben Sie im Jahr 2016 gerechnet und vor welchen Herausforderungen stehen Sie derzeit tatsächlich?

Die Umstellung auf das PSG II stellt wirklich große Herausforderungen – nicht nur  an die Einrichtungen sondern an alle Beteiligten, also auch an alle Pflegekassen. Ja, wir haben mit Schwierigkeiten gerechnet, allerdings nicht unbedingt in dieser Größenordnung. Insbesondere für die stationären Einrichtungen ändern sich grundlegende und jahrelang festgeschriebene Prozesse. Denn  neben der  allgemeinen Umstellung von Pflegestufen auf Pflegegrade gehört hier nun auch der zu bestimmende einrichtungseinheitliche Eigenanteil. Die Logik, mit der hierzu seitens des BMG argumentiert wird, muss sich sicher erst noch „beweisen“.

2.       Wie haben Sie sich auf die Veränderungen ab dem 01.01.2017 vorbereitet?

Durch intensive Gespräche und Verhandlungen mit den Pflegekassen und zugleich in zahlreichen externen und internen Informations- und Schulungsveranstaltungen mit und für die Pflegeeinrichtungen selbst.

3.       Was war im Januar 2017 Ihre größte Herausforderung in Bezug auf das PSG II und wie reagieren Sie auf diese?

Ich persönlich sehe die größte Herausforderung im notwendigen Umdenken bei der Einschätzung der Bedürftigkeit – also keine so genannte Minutenpflege mehr. Hier liegt aus meiner Sicht ein großes Potential an einer individuelleren Leistungserbringung, sowohl im so genannten vorpflegerischen als auch im professionellen Pflegebereich. Und das Umdenken gilt nicht nur für die Pflegenden in ihren jeweiligen ambulanten, teilstationären und stationären Einrichtungen, sondern ebenso für die Pflegekassen und den Sozialhilfeträger.

4.       Glauben Sie, dass das PSG II dazu beitragen wird, dass die Bewohner der stationären Langzeitpflege eine bessere psychosoziale Begleitung erfahren?

Ja, das hoffe ich sehr. Wobei das Wort „besser“ nicht unbedingt das richtige ist, „individueller auf die Einzelperson bezogen" ist aus meiner Sicht wünschenswert.

5.       Kann, Ihrer Meinung nach, mit Hilfe der Neuregelung  eine bessere Begleitung von Menschen mit Demenz gewährleistet werden, als in den vorangegangenen Jahren?

Die theoretischen Grundlagen dafür sind gegeben. Ob das auch in der Praxis funktioniert hängt nicht zuletzt davon ab, wie viel notwendigen Spielraum sich Kostenträger und Leistungserbringer hier in der Gestaltung der Betreuung geben. Je enger die Bedingungen gestellt werden desto weniger flexibel ist der individuelle Anpassungsspielraum, und zwar für pflegende und betroffene Pflegebedürftige. Das setzt natürlich eine wirklich konstruktive Vertragspartnerschaft voraus.

6.       Gibt es noch etwas, was Sie den Lesern des Newsletters mit auf den Weg geben möchten?

       Wenn wir mit der Umstellung auf das PSG II wirklich etwas erreichen wollen, sollten wir...

  • ...als Vertragspartner den Mut haben, aufeinander zuzugehen und die Umstellungsphase dafür nutzen, evtl. „handwerkliche Fehler“ in den geschlossenen Vereinbarungen korrigieren.
  • ...immer beobachten, ob die Versicherten in den jeweiligen Wohn- / Versorgungsformen wirklich optimal gepflegt bzw. betreut werden.
  • ...gemeinsam daran arbeiten, die bestehenden Rahmenbedingungen so zu verändern, dass  die Menschen wirklich auch selbstbestimmt und möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können; das gilt vor allem für die Besonderheiten im  ländliche Raum.

 

Interview mit Vertretern der AOK Nordost zur Umsetzung des PSG II

1.       An wie viele Versicherte haben Sie insgesamt Überleitungsbescheide versendet?

Wir haben insgesamt 174.000 Benachrichtigungen  zu den gesetzlich definierten Überleitbescheiden versendet.

2.       Gab es Widersprüche zu den Bescheiden und wenn ja, wie hoch ist dieser prozentual?

Der letzte Stand, der mir bekannt ist sind 130 Widersprüche zu den Überleitbescheiden.

3.       Welche Fragen zur Umstellung sind am häufigsten gestellt worden?

Sowohl von den vollstationären Einrichtungen als auch von den Bewohnern /Betreuern wurden sehr häufig Fragen zur Ermittlung des Besitzstandsschutzes/einrichtungseinheitlicher Eigenanteil gestellt.  Außerdem haben sich die vollstationären Einrichtungen zur Berechnung der neuen Pflegesätze und zur Abrechnung informiert.  

4.       Wie schätzen Sie als Kostenträger die Auswirkungen der Umstellung auf den ambulanten Bereich ein?

Mit der Umsetzung des PSG II wurden im ambulanten Bereich die Punkzahlen für die körperbezogenen Pflegemaßnahmen erhöht, die Leistungskomplexe für die Betreuung an den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff angepasst sowie neue Leistungskomplexe in das Vergütungssystem implementiert. Damit wurde die Möglichkeit geschaffen, individueller auf die Bedürfnisse des einzelnen, insbesondere für Pflegebedürftige mit eingeschränkter Alltagskompetenz, einzugehen und die Pflege daran auszurichten.   

5.       Ist jetzt bereits absehbar, in welchen Bereichen ggf. ein „Nachbesserungsbedarf“ in den getroffenen Vereinbarungen besteht?

Das PSG II ist erst seit 12 Wochen in Kraft. Zum jetzigen Zeitpunkt kann noch keine Aussage zu einem evtl. erforderlichen Nachbesserungsbedarf getroffen werden. Allerdings findet ein kontinuierlicher Austausch mit den Leistungserbringerverbänden statt.

↑ nach oben | Inhalt drucken